Reisebericht Jerusalem: Der Falke im Orient

 
 
Während wir uns im Sommer 2014 vom HSV zurückzogen und aus bekannten Gründen am 19.06. unseren HFC Falke gründeten, sind die Ansätze für die Gründung des Vereins Betar Nordia anders geprägt. Der Rassismus, der von großen Teilen der Fanszene beim Stammverein Beitar Jerusalem ausging, war für einige Fans nicht mehr zu ertragen. Bei Beitar herrscht die Ultra- und Hooligan-Gruppe „La Familia“ über die Fantribüne, hat Einfluss in die Vereinsführung und verhindert bis heute die Verpflichtung  von arabischen und muslimischen Spielern. Aus diesem Klima des Hasses wollten einige Fans ausbrechen und gründeten ihren eigenen Verein. In diesem darf jeder Mensch mitspielen und der Sport soll wieder ein verbindendes Element sein. Bereits bevor die Falken den Spielbetrieb aufnahmen, gab es Kontakte zwischen Nordia- und Falke-Mitgliedern und schon zweimal besuchten die Gelbschwarzen Spiele des HFC und verbrachten schöne Stunden in Hamburg.

 

Nun sollte also der erste Besuch bei Betar Nordia stattfinden. Flüge wurden gebucht, Hotels reserviert und Bierabende geplant. Und was macht der israelische Verband? Sagt das Betar-Spiel für dieses Wochenende ab, da ein Ligakonkurrent Pleite geht. Schöner Mist! Naja egal, die Reise ist geplant und so machten sich die ersten vier Falken durch Eiseskälte an einem Montagabend auf den Weg nach Berlin. Lars stellte sich und sein Auto zur Verfügung und Sören und Katja überließen mir den Beifahrersitz. Ohne Probleme erreichten wir den Flughafen und konnten in aller Herrgottsfrühe Richtung Orient abheben. Nach vierstündigem Flug landeten wir in Israel und düsten mit dem Taxi in die Berge. War es am Ben Gurion (Airport) noch angenehm mittelmeerwarm, merkten wir 600-700 Meter weiter oben den israelischen Winter. Aber allein diese Fahrt gab einem auch schon erste Eindrücke von der tollen Berglandschaft und vom Festungscharakter der Stadt. Die Autobahn ist kilometerweit mit NATO-Draht gesichert und auch unsere ersten Check-Points durften wir durchqueren. Angekommen wurden fix die Zimmer bezogen (ein schlichtes, einfaches und sauberes Hostel) und dann wurden wir von David zum Willkommensglas in den Bazar abgeholt. David war bereits im Sommer 2015 bei uns in Hamburg und so freute man sich besonders ihn wiederzusehen. Das Bier schmeckte vorzüglich, so dass uns ein kleiner Termin beim Advokaten des Vereins inklusive Pokalpräsentation nur kurz vom Glas trennen konnte. In der nächsten und übernächsten Bar kamen dann auch neue Betar-Gesichter hinzu und viel zu früh musste man den Reisestunden Tribut zollen und nach 40 Stunden ging es ins Bett.

 

Jerusalem, die heilige Stadt. Sehnsuchtsort und Mittelpunkt von drei Weltreligionen. Da kann auch der größte Fußballproll nicht umhin, sich mit der Geschichte, Politik und Spiritualität dieses Ortes auseinander zu setzten. Da mich Religion nicht sonderlich interessiert, ich aber einen Faible für Politik und Geschichte habe, wurde schon Monate vor der Reise mit Büchern und Artikel verschlungen. Entsprechend durften sich meine drei Reisegefährten auch gleich nach dem Aufstehen in die Altstadt aufmachen und durch die engen Gassen des muslimischen Quartiers zur Klagemauer marschieren. Man wusste ja von Bildern, dass diese direkt am Tempelberg liegt, aber mit eigenen Augen zu sehen wie dicht hier die höchsten Heiligtümer von Judentum und Islam zusammenliegen, ist schon krass. Der Tempelberg durfte wegen eines stattfindenden Gebets noch nicht betreten werden, und so drehten wir eine große Runde durch das angrenzende jüdische Quartier. Die Altstadt ist ein einziger Souvenir-Shop aus tausenden Buden. Zeit überbrückt und durch eine penible Sicherheitskontrolle ab auf den Tempelberg. Hier oben hat also der Herr Jesus Geldverleiher verdroschen; die Palästinenser fangen regelmäßig wegen irgendwas hier oben einen neuen Volksaufstand an. Beeindruckend!

 

Mit tollen Bildern von Al Aksa Moschee und Felsendom im Gepäck ging es zurück zum Hostel und weiter zum Bazar. Nach so viel geistiger Nahrung brauchte der Bauch dringend auch was. Nun trat auch das erste Problem der Reise auf. Ich bin großer Freund des toten Tieres, der Rest der Reisegruppe lebt vegan. Um die Nahrungsaufnahme nicht unnötig zu verzögern, gab es also Falafel für alle. Echt lecker das Zeug! Nun waren alle Sinne gesättigt und meine zwei Gefährten/-innen legten sich erst einmal nieder. Nichts für mich und so machte ich in dieser Zeit, bepackt mit ein paar Büchsen Bier, einen kleinen Ausflug nach Ost-Jerusalem. Steht ja schließlich in der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes als besonders reizvoll oder so. Je weiter ich nun der Endstation der Straßenbahn entgegenfuhr, umso leerer wurde diese. Zur letzten Station waren mein Bier und ich dann allein im Zug, abgesehen von vier Soldaten, die den Zug bewachten. Schon ein witziges Gefühl. Das Ziel war dann eher unspektakulär. Der Endbahnhof war nicht in einem verschanzten Kibbuz, das von reitenden Arabern umzingelt war, sondern ein moderner Vorort, in dem nun auf palästinensischem Territorium die israelische Fahne weht. Da hatte ich nach der Anreise fast mehr Abenteuer erwartet. Nach diesem kleinen Ausflug waren auch die drei Schlafmützen wieder aktiv, entsprechend ging es mit David zum Abendessen. Vorzügliche Börek mit Lamm oder Gemüse und dazu diverse Mezze. Herrlich! Danach nahmen wir noch ein wenig bei Livemusik am fröhlichen Nachtleben im Bazar teil.   

 

Nach einer weiteren Nacht, in der ich mein Sechserzimmer mit norddeutscher Schnarchkultur unterhielt, warfen eure Helden sich das etwas karge Hostelfrühstück ein, um dann einen Ausflug zu machen. Bethlehem im Westjordanland stand auf dem Programm. Es ging zu Fuß zum Damaskustor der Altstadt und vom dortigen Busbahnhof über die Grenze nach Palästina. Der Busfahrer gab sich hierbei alle Mühe uns ins Jenseits zu befördern und jagte den Linienbus sehr zügig durch bergiges Terrain. In Bethlehem angekommen, schauten wir uns die Geburtskirche an. Hier ist der kleine Jesus also geboren, da kann sich der größte Ungläubige einer gewissen Stimmung nicht entziehen. Haken hinter Weltreligion drei auf dieser Reise und weiter auf den Berg Herodyon im gleichnamigen National Park. Hier genossen wir das Wüstenflair und die Aussicht über Palästina bis fast ans Tote Meer. Coole Aussicht! Weniger schön fand unser arabischer Taxifahrer den stattfindenden Wachwechsel im angrenzenden IDF-Camp (israelisches Militär zeigt bis heute Präsenz im ansonsten unabhängigen PLO-Gebiet). Etwas muksch erklärte er: „DIE haben halt die Kohle, die Autos und die Knarren.“ Stimmte auffallend. Weiter ging es in großem Bogen zurück nach Bethlehem, wo wir uns die Befestigungsanlagen ansehen, welche Israel zum Schutz gegen arabische Angreifer gebaut hat. Das Ding ist so fett, dagegen ist die Berliner Mauer ein Jägerzaun gewesen. Diverse Brandspuren von Molotov-Cocktails an den Türmen und die Kameras, Gasgranatenwerfer und Schießscharten zeigten uns, dass hier noch lange kein Frieden herrscht. Zurück zur Bushaltestelle und ab durch den Check-Point nach Jerusalem. Hier wirkten wir dann so harmlos, dass wir, zusammen mit allen anderen Touristen, im Bus bleiben durften, während die Kontrolle der arabischen Fahrgäste stattfand. Zwei-Klassengesellschaft ist harmlos ausgedrückt! Zurück in Jerusalem trafen wir uns mit Orry, dem Capo der Betar-Fans und mit tollen Gesprächen, Bier und Rauchwerk starteten wir in den Abend. Aviv, ein weiteres Betar-Mitglied kam dazu und gemeinsam ging es zur Stadion-Besichtigung von Betar. Ein richtig cooles altes Leichtathletikstadion, aber eben auch entsprechende Entfernung zum Spielfeld. Wir sahen ein wenig der Mannschaft zu und fuhren dann wieder in die Innenstadt. Hier war inzwischen die zweite Reisegruppe Falken angekommen und mit diesen drei und einem Dutzend Betar wurde sich unterhalten, gesungen und der Abend genossen. Mit vielen Gespräche und noch mehr Gläsern intus wankte man in der Gewissheit zum Hotel, in Jerusalem willkommen zu sein und diese neuen Freunde sicher bald wieder zu besuchen.

 

Am Freitag tat es dann auch etwas weh, seine müden Glieder vom Bett zu erheben, aber wir wollten den Vormittag nutzen, uns die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem anzusehen. Diese zentrale Einrichtung zum Gedenken an die Opfer der Shoah befindet sich am Stadtrand von Jerusalem auf dem Herzl-Berg und umfasst das größte Museum weltweit zu diesem traurigen Thema. So gingen wir mit wachsender Beklommenheit durch die Ausstellungsräume und in der abschließenden Halle der Erinnerungen hatte ich einen dicken Kloss im Hals. Es ist so ein Wahnsinn, was Menschen anderen Menschen antun können! Diese Gedenkstätte sollte wirklich jeder gesehen haben, dann wäre Antisemitismus vielleicht noch ein Stück weiter aus der Gesellschaft verdrängt. Auch die kommenden Denkmäler auf dem Gelände sollten einen zum Denken anregen, aber bei strahlendem Sonnenschein waren dann Partisanendenkmal, Statue des Warschauer Ghetto und die Allee der Gerechten fast schon freundlich anzusehen. Zurück im Hotel sollte es eigentlich direkt weiter ins Teddy-Stadion gehen, aber aufgrund des Vorabends und der bereits marschierten Meilen setzte sich die Fraktion Mittagsschlaf durch. So muss das größte Stadion in Jerusalem auf unseren nächsten Besuch warten. Am Abend trafen sich dann alle Falken in einer Kneipe in der Nähe der Altstadt und schauten gemeinsam das Bundesligaspiel der HSV Fußball AG gegen FC Bayern München AG. Anschließend ging es zurück ins Hostel, es wurden noch Nudeln gekocht und gemeinsam gegessen.

 

Nach dem Frühstück wurden wir von zwei Betar-Mitgliedern vom Hotel abgeholt, da man uns die Geschichte Jerusalems bei einer Führung zeigen wollte. Es folgte ein interessanter Trip durch drei Weltreligionen, Einflüsse aus Italien, Äthiopien, Frankreich, dem Osmanischen Reich und Großbritannien, um schließlich zu erfahren, warum Kaiser Wilhelm ein Loch in der Altstadt-Mauer verschuldet hat. Auch die Gassen der Altstadt und die Klagemauer wurden nochmals aus anderem Winkel besichtigt. Anschließend ließen wir uns im arabischen Viertel auf eine Portion Kebab nieder. Zurück im Hotel wurden wir von unserem bestellten Bus eingesammelt, denn es sollte noch ein Spiel der ersten Israelischen Liga besucht werden. Hier hatte aber die Kommunikation zwischen uns Falken zu Wünschen übrig gelassen. Der eine buchte einen Bus und drei andere wollten gar nicht mit. So hatten wir üppig Platz mit vier Fahrgästen im 15-Sitzer. Talwärts ging es über die Autobahn dem Mittelmeer entgegen und nach kurzweiliger Fahrt erreichten wir Kfar Saba. Hier hatten wir uns mit Sheik verabredet, den Sören von einem Fantreffen in Hamburg kannte. Dieser lotste uns in die örtliche Fankneipe und so gab es erst mal einen Schluck zu trinken.

 

Die anwesenden Fans musterten uns eher kritisch. Ihr Verein Hapoel Kfar Saba pflegt nicht gerade gute Beziehungen zu unseren Freunden von Betar und schon gar nicht zum großen Beitar. Die Jungs trugen dann auch mit ihrem zotteligen Äußeren zum Selbstbild als kleiner, linker Club bei. Auch der Verein legt wert auf seine Geschichte als Arbeiterverein (Hapoel) und so finden sich auf jedem Schal Hammer und Sichel wieder. Gemeinsam mit unserem Gastgeber betraten wir dann das Stadion. Die Haupttribüne ist ein cooler zweirangiger Bau für 5500 Zuschauer, die anderen drei Seiten leider ohne Ausbau. Der Unterrang war heute gut gefüllt und auch im Gästeblock hatten sich 600 Fans aus dem nahen Netanya eingefunden. Diese pöbelten dann auch fein los und stritten sich die kommenden 90 Minuten mit dem Ordnungsdienst herum. Da die Gäste ein Maccabi-Verein sind, konnte man fast von einem Derby sprechen. Der ewige Klassenkampf Arbeiter (Hapoel) gegen Bürgertum (Maccabi) ist im israelischen Fußball noch immer das Maß aller Dinge und wird nicht nur bei den Stadtderbys in Tel Aviv und Haifa gelebt. Auch die Heimfans verbreiteten 90 Minuten Stimmung und als der 1:0-Siegtreffer fiel, stimmten auch die sitzenden Herrschaften im Oberrang in die Gesänge der Ultras ein. Wie in Hamburg natürlich nur zwei, drei Minuten lang. Nach dem Spiel wartete bereits unser Bus und es ging wieder in die Berge nach Jerusalem. Hier wurde noch eine letzte Runde über den Bazar gelaufen, nochmals lecker gegessen und auch für eine Zigarette sowie ein letztes Bier im Stehen war noch Zeit.

 

Am Sonntagmorgen ging es zum Flughafen und nach teils langwierigen Sicherheitskontrollen hoben wir ab, um über Berlin zurück nach Hamburg zu reisen. In einem waren sich aber alle einig, wir besuchen Betar und diese wahnsinnige Stadt Jerusalem bald wieder.

 

L`chaim

Büffel

 
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